
Bericht zum Workshop
Ort: 21. SSH-Tagung / Landesstelle Berlin für Suchtfragen e. V.
Ein Workshop über Selbstreflexion, Vertrauen und die Kraft der Selbsthilfe
Im Rahmen der 21. Suchttagung fand ein dreistündiger Workshop zum Thema „Suchterkrankungen, Bedürfnisse erkennen und eigene Grenzen einhalten“ statt. Der Workshop wurde von zwei Lotsen, Johannes und Vicky, die ehrenamtlich für das Projekt Lotsennetzwerk Berlin (eigenständig arbeitendes Netzwerk in Trägerschaft der Haus Phönix Pankow gGmbH) tätig sind, geleitet. Vor Ort waren sieben Teilnehmer.
Ziel war es, sich mit den eigenen Bedürfnissen, persönlichen Grenzen und deren Bedeutung für ein zufriedenes Leben auseinanderzusetzen.
Dabei ging es nicht nur um theoretische Ansätze, sondern vor allem um ehrliche Selbstreflexion, persönliche Erfahrungen und den gemeinsamen Austausch auf Augenhöhe.
Denn gerade im Zusammenhang mit Suchterkrankungen ist es wichtig, sich selbst besser kennenzulernen, eigene Verhaltensmuster zu hinterfragen und Wege zu finden, das eigene Leben bewusster und zufriedener zu gestalten.
1. Ankommen, kennenlernen und erste Gemeinsamkeiten entdecken
Nach der Begrüßung starteten wir mit einer Vorstellungsrunde, in der die Teilnehmenden erzählten, woher sie kamen und wie sie ihre persönliche Situation einschätzten.
Schnell wurde deutlich, wie unterschiedlich die Teilnehmer und ihre Lebensgeschichten waren.
Einige hatten sich mit der Frage einer möglichen Suchterkrankung noch nicht näher auseinandergesetzt, obwohl sie weiterhin Substanzen konsumierten. Andere hatten ihre Erkrankung bereits für sich erkannt und lebten abstinent, teilweise schon seit vielen Jahren.
Auch nicht substanzgebundene Suchterkrankungen, zum Beispiel Sexsucht und Spielsucht, fanden Raum.
Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen saßen zusammen in einem Stuhlkreis und erzählten von sich. Was sie miteinander verband, war zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch nicht allen bewusst. Doch genau darin lag die Chance, einen Raum zu schaffen, in dem niemand etwas beweisen musste, sondern nur offen sein durfte für das, was sich daraus entwickeln würde.
2. Eigene Grenzen erkennen und ernst nehmen
Zu Beginn stellten wir die Frage in den Raum, was persönliche Grenzen eigentlich bedeuten und woran wir erkennen, dass eine Grenze erreicht oder bereits überschritten ist.
Die Gespräche zeigten, dass dies für viele Teilnehmende gar nicht so einfach ist. Manche bemerken erst im Nachhinein, dass ihnen eine Situation nicht gutgetan hat. Andere spüren zwar, dass etwas nicht stimmt, schaffen es aber nicht, rechtzeitig Nein zu sagen oder für sich einzustehen.
Oft werden die eigenen Bedürfnisse so lange zurückgestellt, bis die Belastung kaum noch auszuhalten ist.
Gemeinsam reflektierten wir, wie wichtig es ist, die eigenen Gefühle und Warnsignale ernst zu nehmen. Grenzen zu erkennen bedeutet auch, sich selbst zuzuhören und sich die Erlaubnis zu geben, die eigenen Bedürfnisse nicht länger zu übergehen.
3. Perspektivwechsel: Wo beginnt meine eigene Verantwortung?
Ein weiterer Schwerpunkt war die kritische Selbstreflexion. Was passiert, wenn uns immer wieder schwierige Situationen begegnen? Sind wir ihnen tatsächlich hilflos ausgeliefert, oder gibt es Möglichkeiten oder Strategien, selbst Einfluss zu nehmen?
Anhand alltäglicher Beispiele versuchten wir, gewohnte Sichtweisen zu hinterfragen. So kann es beispielsweise hilfreich sein, bei verpassten Terminen nicht ausschließlich die äußeren Umstände zu betrachten, sondern auch zu prüfen, ob es eigene Handlungsmöglichkeiten gegeben hätte, die Situation zu verändern.
Dieser Perspektivwechsel wurde auch auf die Suchterkrankung übertragen. Es ging darum, zu erkennen, dass der ständige Versuch, das eigene Leben mit Suchtmitteln zu bewältigen, häufig zu immer neuen Schwierigkeiten führen kann. Der ehrliche Blick auf die eigene Situation und wiederkehrende Umstände wie Schulden, Jobverlust, Konflikte oder Trennungen kann helfen, den eigenen Anteil daran zu erkennen und zu verstehen, dass Veränderung nicht immer im Außen beginnt, sondern meist bei einem selbst. Es geht darum, aus der eigenen Hilflosigkeit herauszufinden und zu erkennen, dass man selbst Einfluss auf das eigene zukünftige Leben nehmen kann.
Selbsthilfegruppen können auf diesem Weg eine wertvolle Unterstützung sein. Der Austausch mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und bereits länger abstinent leben, eröffnet neue Perspektiven. Ihre Erfahrungen können Mut machen und zeigen, dass es auch andere Wege gibt, mit schwierigen Situationen umzugehen.
4. Nein sagen dürfen, ohne sich selbst infrage zu stellen
Wann darf ich Nein sagen? Und warum fällt es mir manchmal so schwer, obwohl ich längst merke, dass mir etwas zu viel wird?
Diese Fragen begleiteten den nächsten Teil des Workshops. Besonders im Arbeitsleben und im privaten Alltag fällt es vielen schwer, die eigenen Grenzen zu vertreten. Häufig steckt dahinter die Angst, andere zu enttäuschen, abgelehnt zu werden oder negative Konsequenzen befürchten zu müssen.
Wir beschäftigten uns mit Glaubenssätzen wie der Vorstellung, nur dann wertvoll zu sein, wenn wir es anderen recht machen und möglichst alle Erwartungen erfüllen.
Dieses sogenannte „People Pleasing“ kann dazu führen, dass die eigenen Bedürfnisse dauerhaft hinten angestellt werden. Man sagt Ja, obwohl man Nein meint, übernimmt zusätzliche Aufgaben, obwohl die eigenen Kräfte längst erschöpft sind, und fühlt sich anschließend trotzdem nicht gut genug. Für jemanden mit einer Suchterkrankung kann dies schnell zum Rückfall führen.
Gemeinsam wurde herausgearbeitet, dass unser Wert nicht davon abhängt, wie viel wir für andere leisten. Ein Nein macht uns nicht weniger liebenswert und nimmt uns nicht unsere Bedeutung als Mensch. Im Gegenteil: Wer ehrlich kommuniziert, wo die eigenen Grenzen liegen, schafft Klarheit und schützt sich selbst vor Überlastung. Oft ist die Angst vor der Reaktion anderer größer als die tatsächliche Reaktion des Gegenübers.
5. Bedürfnisse verstehen und alte Muster hinterfragen
Was brauche ich eigentlich wirklich? Und welches Bedürfnis steckt hinter meinem Verhalten?
Diese Fragen führten uns zu einem besonders wichtigen Thema, nämlich dem Erkennen eigener Bedürfnisse und möglicher Suchtverlagerungen.
Nicht immer ist uns bewusst, wonach wir suchen, wenn wir konsumieren oder uns in Arbeit, Sport, Beziehungen oder sexuelle Kontakte flüchten. Manchmal geht es hinter dem sichtbaren Verhalten um etwas ganz anderes. Zum Beispiel um Anerkennung, Zugehörigkeit, Liebe, Sicherheit oder die Angst, allein zu sein.
Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen und sich ehrlich zu fragen, was uns antreibt und was uns tatsächlich guttut.
Auch die Bedeutung früherer Erfahrungen wurde angesprochen. Erlebnisse aus der Vergangenheit, insbesondere aus der Kindheit, können unser heutiges Verhalten und unsere Beziehungen beeinflussen. Eine therapeutische Begleitung kann dabei helfen, belastende Erfahrungen aufzuarbeiten und wiederkehrende Muster besser zu verstehen. Selbsthilfegruppen können diesen Prozess ergänzen und Halt im Alltag geben.
Als Anregung wurde mitgegeben, eine persönliche Inventur vorzunehmen. Welche Erfahrungen beschäftigen mich bis heute? Wo hege ich Wut oder Groll? Welche Überzeugungen und daraus resultierenden Verhaltensweisen stehen mir möglicherweise im Weg? Und was darf ich Schritt für Schritt loslassen? Habe ich eigene Anteile, die zu Konflikten führten?
Dabei ging es nicht um Schuldzuweisung, sondern vielmehr darum, was ich in Zukunft verbessern kann und was mir langfristig Frieden in mein Leben bringt.
Wer beginnt, sich selbst besser zu verstehen, kann neue bzw. bessere Entscheidungen treffen und andere Wege einschlagen.
6. Selbstfürsorge: Was brauche ich, wenn mein Akku leer ist?
Im nächsten Themenblock ging es um den persönlichen Notfallkoffer der Selbstfürsorge.
Die zentrale Frage lautete: Was kann ich für mich tun, wenn meine Kräfte aufgebraucht sind?
Dabei wurde deutlich, wie schnell man sich im Alltag um die Probleme und Bedürfnisse anderer Menschen kümmern kann, während die eigenen immer weiter in den Hintergrund rücken.
Selbstfürsorge bedeutet, sich bewusst Zeit für sich selbst zu nehmen, die eigenen Kraftreserven ernst zu nehmen und sich auch ohne schlechtes Gewissen etwas Gutes zu tun.
Denn wenn der eigene Akku dauerhaft leer ist, fehlt irgendwann die Kraft, auch für andere da zu sein. Unterstützung anzubieten ist wertvoll, bedeutet aber nicht, die Probleme anderer Menschen zu den eigenen machen oder jede Belastung auffangen zu müssen.
Wir sprachen darüber, wie wichtig es ist, diese Grenzen zu erkennen und liebevoll, aber klar zu kommunizieren. Sich abzugrenzen bedeutet nicht, einen Menschen im Stich zu lassen.
Der persönliche Notfallkoffer soll dabei helfen, individuelle Strategien zu finden, die in belastenden Situationen Kraft geben können.
Eine Strategie könnte hierfür sein, Menschen, die einem guttun, anzurufen und sich mitzuteilen oder sich zu verbinden, anstatt sich in die Isolation oder den Konsum zu flüchten.
Selbsthilfegruppen können auch hier ein Ausgleich zum alltäglichen Stress sein.
7. Abschluss und Feedback: Aus Fremden wird eine Gemeinschaft
Zum Abschluss stellten wir die Frage: „Was nehmt ihr aus dem Workshop mit?“
Die Rückmeldungen waren durchweg positiv.
Besonders häufig wurde angesprochen, wie gut es getan hatte, sich zu öffnen, persönliche Erfahrungen zu teilen und auch über Themen sprechen zu können, für die im normalen Alltag häufig kein Raum ist.
Zu Beginn hatten einige Teilnehmende und auch wir als Workshop-Leitende noch das Gefühl, dass die Gruppe aufgrund ihrer unterschiedlichen Lebenssituationen und Erfahrungen kaum Gemeinsamkeiten haben könnte. Doch im Laufe der drei Stunden veränderte sich die Atmosphäre spürbar.
Aus anfänglicher Zurückhaltung wurde Offenheit, aus unterschiedlichen Perspektiven entstand gegenseitiges Verständnis und aus einer Gruppe zunächst fremder Menschen entwickelte sich eine Gemeinschaft, in der Vertrauen wachsen konnte.
Nach drei Stunden hatte man beinahe das Gefühl, eine Schulklasse vor sich zu haben, die sich schon seit Jahren kennt. Es wurde offen gesprochen, zugehört, nachgedacht und miteinander geteilt. Gerade die teilweise sehr persönlichen und intimen Gespräche schufen eine besondere Verbundenheit.
Einige Teilnehmende konnten für sich die Erkenntnis mitnehmen, dass eine Selbsthilfegruppe ein wertvoller Ort sein kann, um mit den eigenen Sorgen und Erfahrungen nicht allein zu bleiben. Über Dinge sprechen zu dürfen, die man vielleicht weder mit Freunden noch mit der Familie besprechen möchte, kann entlasten, neue Sichtweisen eröffnen und das Gefühl vermitteln, verstanden zu werden.
Mit der gemeinsamen Feedbackrunde fand der Workshop einen stimmigen Abschluss.
Fazit: Die Magie der Selbsthilfe weitergeben
Was bleibt nach drei Stunden gemeinsamer Arbeit? Für uns ist es vor allem die Erfahrung, wie viel entstehen kann, wenn Menschen bereit sind, sich aufeinander einzulassen und sich selbst und anderen ehrlich zu begegnen.
Vielleicht betritt jemand einen solchen Workshop zunächst mit Skepsis. Vielleicht glaubt jemand, mit den eigenen Problemen allein zu sein, oder erkennt noch gar nicht, dass bestimmte Themen auch das eigene Leben betreffen.
Genau darin liegt für uns die besondere Kraft der Selbsthilfe.
Wir als Workshop-Leitende sind selbst Betroffene. Wir sprechen nicht nur über theoretische Ansätze, sondern geben auch Erfahrungen weiter, die wir selbst gemacht haben, Erkenntnisse, die wir auf unserem Weg gewonnen haben, und Dinge, die uns geholfen haben, unser Leben Schritt für Schritt ins Positive zu verändern.
Diese Erfahrungen weiterzugeben, anderen Menschen Mut zu machen und ihnen neue Perspektiven zu eröffnen, ist etwas sehr Wertvolles. Wir können niemandem seinen Weg abnehmen. Aber wir können anhand unseres Werdegangs zeigen, dass Veränderungen möglich sind und dass niemand mit seinen Schwierigkeiten allein bleiben muss.
Vielleicht hat der Workshop den einen oder anderen dazu angeregt, etwas davon in den eigenen Alltag mitzunehmen, sich selbst künftig etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken oder den Austausch in einer Selbsthilfegruppe auszuprobieren.
Denn manchmal beginnt Veränderung genau in dem Moment, in dem wir feststellen, dass wir mit unseren Erfahrungen nicht allein sind.
